Utopisch vernünftig denken
oder
ohne Fairness haust Du dich selbst vom Sockel.
von Burkhard Kunze
Da war in der Wochenzeitung „DIE
ZEIT“, Nr. 46 vom 8. November 2001, ein Gespräch zwischen der
„ZEIT“ und Benjamin Barber, Politikwissenchaftler an der University
of Maryland/USA nachzulesen, das betitelt war: „Seid vernünftig,
denkt utopisch! Ein Gespräch mit Benjamin Barber über den
islamistischen Terror, den wilden Kapitalismus und die Chancen einer gerechten
Weltordnung“ Hier stellt sich die Frage, wie denn „die Chancen
für eine gerechte Weltordnung“ gelingen könnten
Immer und
immer wieder quält sich der Mensch mit der Frage, ob seine Existenz
genügend gesichert sei. Der Anschlag vom 11. September 2001 gab eine
vermeintliche Antwort: Nichts ist sicher. Eigentlich eine niederschmetternde
Erkenntnis. Aber, die Menschen weltweit reagieren doch recht unterschiedlich
auf diesen Terroranschlag. Vom Entsetzen, über das Mitgefühl bis zur
heimlichen oder offenen Schadenfreude müssen wir alles über uns
ergehen lassen. Vom Hedonismus, „jetzt erst recht“, bis zum
Fatalismus, sich wehren, zurückschlagen, resignieren. „trotz
alledem!“ hat sich hier ein weites Feld von Reaktionen
aufgetan. |
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Mit einem genau so weiten Feld von
Lösungsmöglichkeiten wäre zu rechnen. Aber, es ist nur von
„Krieg“ die Rede oder „ja kein Krieg!“, von
verschärften Sicherheitsmaßnahmen, von Kontrollen, dem
Aufspüren von „Schläfern“ sogar vom Aufrüsten. Die
„Gläubigen“ und die „Ungläubigen“ bauen
nunmehr gegeneinander spiralförmige Speere gegeneinander auf, die sich im
gegenseitigen Kampf so ineinander verhaken werden, so dass die Menschheit
für lange Zeit in Angst und Schrecken vor dem Überfall werden leben
müssen. Israel und Palästina geben zu erkennen, auch damit müsse
man leben. Aber so wird doch auch wertvolles Geld verschlungen, - oder sind
Kosten für den Krieg Investitionen? Und wenn auch noch die Antworten
lauten sollte: langfristig ja, dann stellt sich die Frage: gibt es schon Licht
am Ende des Tunnels? Alles erscheint in diesem Zusammenhang entsetzlich
verfahren. Nicht nur der Anschlag, auch das Verständnis von
Globalisierung, vom Wert der Gewinne, der Arbeitskraft, vom Wert der
Märkte, vom Wert der Gewinnerlaune und der Laune der Verlierer.
Fangen wir mit einigen Gedanken zu den Zusammenhängen und
Möglichkeiten noch einmal ganz von vorne an:
Gesellschaft ist die Summe der Individuen“ (Gräfin Dönhoff).
Individuum und Gesellschaft sind interdependent. Sie bedingen sich gegenseitig.
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| So kann es für das Individuum keine Autonomie
(Selbständigkeit, Unabhängigkeit) geben. Alles, was der Mensch an
Einstellungen, Verhalten oder Handeln hervorbringt, ist zum Einen ein Teil
seiner selbst, gleichzeitig aber auch ein Teil der Anderen. Die anderen
Individuen, zusammengenommen, eine Gesellschaft, eine kleine, eine große
oder die Gesellschaft insgesamt. Die Summe der Individuen muss sich in irgend
einer Weise ordnen, Regeln schaffen und anderes mehr, um miteinander
„klar zu kommen“. Denn ohne Regeln, an die sich alle zu halten
hätten, gäbe es keine Sicherheit für die eigene Existenz.
Regeln, Gesetze, Gewohnheitsrechte, Abmachungen, Vereinbarungen, Versprechen,
Verträge und weiteres haben die Gesellschaften untereinander und
füreinander immer wieder in riesigem Maße getroffen. Aber was dem
Frieden galt, mündete letztendlich zu häufig im Krieg. Schauen wir
deshalb noch einmal auf den „Gesellschaftsvertrag“
„Contrat Social“: |
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„Der Mensch wird
frei geboren, doch überall liegt er in Ketten. Wie hat sich das
zugetragen? Ich weiß es nicht. Aber wie kann das legitimiert
werden?“ (vgl. J. J. Rousseau ebd.)
„Das ist bemerkenswert“, stellt Benjamin
Barber fest und: „Rousseau sagt nicht, man müsse alles
verändern. Sondern die Aufgabe liegt darin, es zu legitimieren. Das ist
seine Art zu sagen: Die gegenseitige Abhängigkeit ist nun einmal ein
Faktum. Und worum es demokratischer Politik geht, ist nicht, diese
Abhängigkeiten abzuschaffen (weil das von der Wesensart der Menschen her
nicht geht, Kn.), sondern sie gerecht zu gestalten.“
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Worum es also
eigentlich geht, ist, die Abhängigkeiten gerecht zu gestalten. Im
ersten Moment erscheint das widersprüchlich, jedoch, nehmen wir die
Tatsache als Grundlage menschlichen Seins, der Mensch allein ist weder in der
Zeitdimension noch in der Raumdimension existenziell, dann wird diese Forderung
verständlich. Immer benötigt der Mensch den Mitmenschen, die Anderen,
deren Existenzen, um selber existieren zu können. So wird eine gerechte
Gestaltung der Menschen unter der Knute „Abhängigkeit“ nicht
mehr zur Horrorvision, sondern ganz natürlich zur notwendigen Herstellung
der Legitimation im Sinne einer „Echtheitserklärung“, einer
„Beglaubigung“ des Faktums „Abhängigkeit“.
Nämlich die Abhängigkeit, den sozialen Frieden unter den
Menschen und ihrer Gesellschaften zu sichern. Denn Sicherheit in einer
eigentlich fremden Welt ist das größte Bedürfnis, das der
Mensch in seiner Existenz hat. Darüber hinaus benötigt er ein
Zugehörigkeitsgefühl (seinen eigenen Platz in seinem Leben). Ein
Zugehörigkeitsgefühl ist aber nicht zu leisten, indem Menschen in ein
bestimmtes Lebenskonzept gezwungen werden, sondern nur durch die Schaffung von
Regeln und Gesetzen, die wiederum nur mit Wertorientierungen
verknüpft funktionieren können. Das Individuum ist gefordert,
allgemein akzeptable Werte zu achten, wie das Denken und Glauben des Anderen
(Pluralismus), sowie die Abgrenzung zum eigenen Denken und Glauben anderen
zugestehen (Toleranz). Aber, was wohl immer eine individuelle Herausforderung
für die Individuen bleibt, bei allem Pluralismus und Toleranz vor
allem „Fairness“ walten zu lassen. Die
„Fairness“, ein „gerechtes“ und
„anständiges“ Verhalten und Handeln, ist es, was das
Individuum als das Eine gegenüber den Anderen zu leisten hat, wenn das
Individuum die eigene Sicherheit sichern will. Die Fairness, das Gerechte und
Anständige; ohne Bedenken, (dem Mitmenschen gegenüber trotz aller
Widrigkeiten „sauber“ begegnen zu können, Kn.), ein Verhalten
und Handeln vermitteln zu können, dürfte neu betrachtet, zu einem
grundlegenden Erziehungs-, Entwicklungs- und Aufklärungsprogramm in
den Gemeinschaften der Individuen (aller Gesellschaften) führen. Es sind
unsere
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Wertvorstellungen, die es zu überprüfen gilt, sie
sind mit den Wertvorstellungen anderer Gesellschaften zu vergleichen.
Gegenwärtig werden wir feststellen müssen, dass die Werteorientierung
sehr unterschiedlich ist. Das z. B. die Demokratie die fairste Form sei, eine
Gesellschaft zu „regieren“, wird weltweit unter den Menschen nicht
geteilt. Dafür sind die Erkenntnisse, das Wissen, das Machtgefälle,
die materielle Lage, die technologische Entwicklung und anderes mehr zu
unterschiedlich „gewachsen“. Aber, es muss hier erneut gefragt
werden: Sind wegen der unterschiedlichen Denk- und Entwicklungsweisen keine
gemeinsamen Werte möglich? Die Menschenrechte, globale Verträge,
Richtlinien, gibt es doch schon. Und bei der Einhaltung dieser Regelungen
hapert es immer noch mächtig. Solange die Gesellschaften in ihrem
Bewusstsein das „Oben- und Untendenken“ verinnerlicht lassen, wird
es immer zu Machtgefügen kommen, die es nicht, nur schwerlich oder
bedingt erlauben, Fairness als Wert zur Regelung unterschiedlichster Interessen
einzusetzen. Der Politiker,
der Entscheidungsträger in der Wirtschaft und anderer Spitzenpositionen,
der nur noch arrogant seinen Job zum eigenen Vorteil versieht, kann nicht mehr
zeitgemäß sein. Er ist von gestern, wenn es um unsere
zukünftigen Sicherheiten gehen soll. Einer, der verspricht und
nichts halten kann, ist ein Betrüger, wer seine Kenntnisse und Leistungen
auf dem Markt verkauft, ist korrupt. Betrug und Korruption sind nach unserem
Gesetz Straftaten. Von diesen Leuten Fairness zu fordern, erscheint naiv.
Dennoch, wir benötigen auf dieser Welt Fairness, um überhaupt noch
überleben zu können. Keine Gesellschaft ist alles. Wir haben Mit- und
andere Gesellschaften auf dieser Erde. Wie soll es da weitergehen? Die alten
Hüte, die alten Klamotten?
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Die Demokratie
beschleunigt um die Welt tragen? Da lachen die Zyniker! Nehmen wir die Fairness
als Grundlage individuellen und gesellschaftlichen Handelns, so setzt Fairness
voraus,
dass wir über unsere Erkenntnis, der
Einsicht fähig werden, unsere Sicherheit ist abhängig von der
Fairness der anderen. Das müsste auch ein Zyniker nachvollziehen
können, der in Regel nicht der Dümmste ist.
Prinzipiell wird das Elend in dieser Welt
bleiben, aber nichts tun, keine Fairness üben, wäre allemal
schlimmer. Für Benjamin Barber ist der „Bürgersinn“ der
Ausweg. Der Bürgersinn unterscheide „sich von nationaler, ethnischer
Identität, dass im ersten Fall wichtig ist, was er tut, nicht, wer einer
ist und wo er herkommt. Das heißt: Man wählt gemeinsam, geht zur
Schule, man kämpft notfalls gemeinsam, löst öffentliche Aufgaben
– ein kommunaler Sinn, nicht „Sittlichkeit“ oder gar der
Glaube an einen gemeinsamen Gott.“ Und weiter:
„Nehmen sie das
New York unserer Tage: Die dramatischen Rettungsarbeiten haben ein neues ,
enges Band zwischen Schwarzen, Weißen, Latinos, Christen, Muslimen,
Atheisten der Stadt kreiert. Es ist plötzlich egal, wer wir sind,
entscheidend ist, was sie tun. Die sozialen Unterschiede sind in einer neuen
bürgerlichen Gleichheit aufgehoben. Das ist ein perfektes Beispiel
für die Kraft des Bürgersinns.“
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Aber, hier übersieht der
Politologe Barber die elenden menschlichen Schwächen. Kaum, das der Rauch
über Manhatten verzogen ist, sind sie schon wieder da, auch direkt am Ort
des Grauens, die Schmarotzer, Betrüger, Diebe, Einbrecher, Fälscher,
um auch aus diesem Elend ihren Gewinn herauszuschlagen.
Fairness ist doch im
sportlichen Wettkampf eine wichtiger Wert. Warum nicht im zwischenmenschlichen
Leben, zwischen den Gesellschaften? Die nationalen und internationalen
Sportmanager legen doch größten Wert auf Fairness. Der Zuschauer
sowieso. Warum dann nicht im richtigen Leben? Man kann sich das eigentlich
nicht vorstellen, im Bundestag, im Bundesrat, in der Fraktionssitzung, am
Kabinetttisch, in der Betriebsbesprechung, beim
Geschäftsabschluss, zwischen Lehrer und Schüler, in der
Familie würde gefragt: wie fair waren wir eben miteinander? Aber, was denn
anderes als die menschliche Fairness könnte das vielfältige Leben
erträglich machen? Fairness als ein zentraler Begriff im
zwischenmenschlichen Umgang könnte doch den Konflikten, dem Streit, den
unterschiedlichen Auffassungen weltweit eine andere Umgangsform vermitteln.
Aber so was müsste erst einmal in unseren Köpfen Platz finden. Wir
haben aber unseren Kopf schon voll. Oder doch nicht? Und, wenn dann immer noch
welche auftauchen, die immer noch nicht kapiert haben, um was es gehen soll
oder allein für sich die Wahrheit gepachtet zu haben glauben? Ja, - ja
dann: denen „gehört ordentlich was auf die Fresse“! Das ist
Leben.
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Kassel, den 12.
September 2001, © by Burkhard Kunze
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