zu „3533 Lehrstellen fehlen“ in HNA Nr. 139 vom 18. Juni 2003

Kassel, den 19. Juni 2003


Klinken putzen oder was Neues?

Nicht nur Lehrstellen fehlen, sondern oftmals auch die geeigneten Lehrlinge. Zwei Drittel bilden nicht aus. Die Gründe dafür müssen viele sein. Und nun wieder einmal die Aktion. „17.000 Betriebe sollen angesprochen werden.“ Wie geht das, wer macht das, wie war das in den vergangenen Jahren, alle Jahre wieder? Ist das zeit- und personalökonomisch zu verantworten, gibt es keine alternative Lösung? Und die Hintergründe für fehlende Lehrstellen? Wohl auch diese: der Lehrling erfüllt nicht die notwendigen Anforderungen, er ist zu anspruchsvoll, Bäcker u. ä. uninteressant, das Bewusstsein, erst einmal überhaupt etwas lernen, dann kann jeder immer noch umsteigen, neues finden, das fehlt. - Lehrlinge machen Arbeit, stehen im Wege, sind zu teuer, bringen nichts ein, sich mit denen einlassen ? – nicht ich; Urteile, Vorurteile, Ungeduld machen es den jungen Menschen auch sehr schwer. Und was ist mit denen, die keine Lehrstelle erhalten? Sie wandern aus Nordhessen aus, verkrümeln sich, ziehen sich in Nischen, Subkulturen zurück? Dealen, Alkohol, Drogen, Kleinkriminalität und Einbruchdiebstahl in den Villenvierteln? Machen wir trotzdem weiter, gerade aus, aber steil nach unten?

Und dabei gibt es eine grundlegende Alternative. Sie ist als Programmkonzept vorhanden, nur niemand erkennt das Lösungspotential. Angebote wurden zurückgewiesen oder negiert. Und gerade Nordhessen hätte die Chance, völlig neu mit vertrauten Mitteln den alternativen Lösungsweg zu gehen. Warum z. B. die Ganztagsschule für viel Geld ausbauen, wenn alle wissen, auch sie ist nur ein Tropfen. Alternativ, warum sollte der wirkliche Lernort ganztägig nicht die Region sein? In der Region spielt sich das Leben tatsächlich ab, hier kann jeder für sich sehr viel lernen. Das muss nur erst einmal in den Kopf, das gilt es zu begreifen! Der Lernort Region fängt das aller meiste auf, mit dem wir uns heute schwer tun. So geht es um die Vernetzung der dort vorhanden Lerngeneration mit der sog. Machergeneration, also Lehrer, Ausbilder, Unternehmen, Handwerk, Handel, Politik, Schulamt, Schulen und sonst aufgeschlossenen Menschen, die verantwortlich in die Zukunft nicht nur sehen, sondern vor allem handeln wollen.

Diese Menschen in der Region, hier in Nordhessen, sie können mobilisieren, von unten den Generationenvertrag neu bestimmen und aufbauen. Hierbei spielen die Arbeitgeber, die Schulen, die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer, Vereine, Politik im Verbund eine maßgebende Rolle. Der Generationenvertrag ist mehr als die Sicherung der Renten. Bisher ist die Diskussion um die Rente bis zum 25-Jährigen vorgedrungen, der für seine Altersvorsorge eben auch privat aufkommen soll. Wir sagen, das ist zu kurz gefasst. Denn wer Geld hat, hat in der Regel Arbeit und damit eine Tätigkeit, für die er lernen musste, also eine Ausbildung. Wer die hat, wird sie ohne Bildung kaum geschafft haben. Also ist es selbstverständlich, logisch, der Generationenvertrag ist das Paket: Bildung – Ausbildung – Arbeit – Alterssicherung. Und dafür ist von der Wurzel her ein neuer Weg zu gehen, deshalb ein Programmkonzept:

Bündnis zur Sicherung des Generationenvertrages – Aktionsprogramm: Für und mit Jugend Zukunft sichern – Alles auf eine Karte – Motto: die Alten tun was!“ ®

Dieses Programmkonzept ist an der Universität Kassel entwickelt worden. Es bringt den bisher fehlenden „Ruck“ in die Köpfe der Lern- und der Machergeneration. Eltern und Öffentlichkeit erhalten Transparenz, Schüler und Lehrer werden entlastet, ja, es macht wieder Spaß, weil neue Impulse die notwendigen Entwicklungen vorantreiben. Eine andere Motivation zu lernen und zu lehren. Es entstehen persönliche Verbindlichkeiten zwischen den beiden Generationen. Der angehende Lehrling hat schon zur Schulzeit seine persönlichen Kontakte hergestellt. Darüber hinaus ist das „Bündnis ...“ ® wirtschaftlich, es bietet neue Arbeitsplätze, Produktherstellung, Vertrieb, Service, Eltern-Kind-Beratung, Interessenkonflikte zwischen Lehrern, Schülern, Eltern werden behoben und anderes mehr. Überschüsse werden erwirtschaftet, die in Jugend- und Schulprogramme fließen, eben dort, wo es fehlt. Was will man mehr, was anders?

Die Region Nordhessen würde in einem anderen Licht erscheinen, bald weit über Hessen hinaus.. Die Frage ist nur, ob in Nordhessen innovative Lösungen zur Bildungs- und Ausbildungsforderung und –förderung erwünscht sind.

Burkhard Kunze, Kassel