Verloren in Marrakesch
Wer eine Reise macht, der
kann auch was erzählen von BURKHARD KUNZE
Raus aus dem Grau, rein in die Sonne, so denkt man. Abenteuer ohne Risiko! Also lässt man sich zusammenkarren und wird schließlich als Mitglied einer Reisegruppe integriert. Ganz praktisch und bequem. Viele selbstbestimmte Alltäglichkeiten gibt man einfach an der Garderobe der Reiseleitung ab. Die führt, die weiß es, die wird schon dafür sorgen, dass alles gut geht. So gedacht, so getan. Es folgen Informationen, Hinweise, Ratschläge, man braucht sie nur zu beherzigen.
So geschehen in der Medina von Marrakech: das Abtauchen in eine andere Welt. Einstürzende Eindrücke, alle Sinne bis zur Zerreißprobe gespannt. Enge, Unübersichtlichkeit - was für eine Welt! Hier wird die Gruppe zur Nabelschnur. Die leise Furcht im Hintergrund: wenn du hier verloren gehst, nicht auszudenken. So zieht die Touristenkarawane durch die Souks. Und Dreiäugig sieht man besser! Zwei im Kopf und eine Linse in der Hand. Und wenn sie den Anschluss an die Gruppe verlieren, bleiben sie stehen, wo sie gerade sind, nicht fortbewegen, sie werden abgeholt. Da wünscht man sich den langen Strick mit Halteschlaufen dran, wie sie im Kindergarten benutzt werden, um die Kinder an der Leine zu halten. Weiter geht´s, ein Gewusel, es hört nicht auf. Da, der Souk öffnet sich, breite Strasse von links, quert den Führungspfad, Autos, Rad- und Mopedfahrer, noch mehr Gerüche und Lärm, geradezu hautnah, fasst über die Füße fließt der Verkehr, in eine schmale Seitenstraße. Geradeaus geht es weiter, ganz links eine verkehrsreiche Straße, da rechts offenbar wieder ein Souk, geradeaus hinten links offensichtlich ein kleiner Park, Hinterhofgröße. Dahinter die Straßengasse nach links und auch noch nach rechts abbiegend. Rechte Seite davor, eine weitere Gasse, auf einen kleinen Platz nach wenigen Metern führend, (für Kenner, es war auf dem Place des Ferblantiers). Und die vielen Menschen in diesem Straßen-, Gassengewirr. Die Touristen im Straßenbild werden von den Einheimischen eher verschluckt. Und da hakt es. Ein Blick auf die mitgeführte Linse, sie macht nicht mehr mit. Streikt sie oder was hat sie? Erst mal wieder nach den andern sehen! Aber wo? Keiner der mittlerweile vertrauten Hinterköpfe und Rückenansichten zu sehen. Wo sind die hin??
Ein Schreck jagt durch Kopf, Körper und Glieder. Allein! Ganz allein in der Menschenmenge, ein totales Einsamkeitsgefühl beschleicht mich. Das Blut sackt in die Füße, bewegungs- und sprachunfähig. Nicht mal das Fluchen funktionierte mehr. Leere! Oder war es Taubheit, Benommenheit? Ein Gefühl, jetzt geht die Luft aus den Reifen! Jetzt sitzt du fest. Hilflos, in totaler Fremde, ehrlich, den guten Nachbarn, der Fremde als hilfreicher Helfer? Wer sollte das hier schon sein? Die haben doch wohl ihre eigenen Probleme. Eher die Feststellung: der hat Probleme, die hätten wir auch gern. - Das Gruppenband war gerissen, es war wirklich … . Es ist das eingetreten, was zuvor beschworen wurde: das d a r f n i c h t passieren! Es war zum Herzblut vergießen. Aber es floss wieder zurück in Herz und Kopf. Erste Gedanken bewegten sich wieder. Dennoch - nicht auszudenken! Die Befürchtung ist eingetreten, die Nabelschnur zur Gruppe war durchtrennt. Wie existenziell doch eine Gruppe sein kann? Was jetzt nur tun, eine halbe Stunde musste jetzt mindestens vergangen sein. Kein Gruppenführer, der suchte und auflas. Verloren! Jetzt musste in der „verdammten“ Medina etwas geschehen. Aber was? Taxi zum Hotel? Aber wo fuhr hier ein Taxi? Schon so früh zurück? Nicht weiteres sehen? Allein weiter? Irgendwie durch die Souks weiter bis der Zufall es will, …? Bitte, wer könnte mich jetzt anschieben? Irgendwer da aus der Masse? Aha, ein
in Not geratener Tourist! Wie ein weidwundes Kalb, das die Herde verloren hat. Als Beute schon ausgemacht? Keine Ahnung, aber möglich. Was nun? Da! Ein Verkehrspolizist! Wusste nicht, dass eine Uniform so viel, geradezu befreiende Hoffnungen auslösen kann. Aber die Verständigung war schwer, welcher Gruppenreisende kann schon marokkanisch oder arabisch? Der Kopf wieder belebt, Gott, was fällt einem da alles ein. Also: wo geht es zu dem „verdammten“ Platz, denn „neben Fe`s-El-Bali ist die Medina von Marrakech die ausgedehnteste mittelalterliche Stadt Nordafrikas. Sie zählt seit 1985 zum Unesco-Weltkulturerbe. In den Zunftvierteln der Färber, Babuschenhändler, der Kupferschmiede, Schmuck- und Stoffhändler …“, (Reiseführer MARCO POLO, 11. aktualisierte Auflage 2002, Mairs Geografischer Verlag, Ostfildern) Farbenvielfalt und Schwarz und Esel, Maultiere, ausgelaugt bis auf die Knochen, Hühner in Käfigen bis an die Decke, in kleinen Verkaufshöhlen, ein Schneider vor seiner Nähmaschine, die Stoffe umhüllten ihn förmlich wie in einem Schaumbad, die Hände und Arme waren zum Schneidern noch frei.
Ja die Freiheit! Wer will sie nicht? Erst recht, wenn sie verloren schien. Diesen Platz finden, könnte weiterhelfen. Denn da wollte die Gruppe hin, schoss es durch den Kopf. Natürlich - die Chance! Also, dieser Platz! Attraktion soll er sein. Aber wo ist er zu finden? Noch schlimmer, wie hieß der noch mal? Der Reiseführer war in der Jackentasche, aber in der Panik völlig vergessen. Im Nachhinein ist klar, was es heißt: bleib „cool“! Den Polizisten nach den Weg gefragt: wo geht es zum Platz mit den Attraktionen? Endlich leuchteten seine Augen. Für die Kenner, es handelt sich um den „Jemaa-El-Fna-Platz“ - natürlich. Also, wirklich durch diese Gasse da, na ja, den Souk dort?! !? – Also los. Und die Sorge marschierte mit. Laufe ich richtig? Eine sich drängelnde Gasse, ein Souk eben. Wuseliger Strecke, Menschen, Waren, Farben, Gerüche, Lärm, Rufe, Kinder um die Zwölf, Sechzehn, die was verkaufen wollen, am Ärmel zuckeln, - nein, ich muss weiter. Kein überlegener Genuss an dieser „Wildnis“ oder „Mittelalter“. Der Souk dehnte sich: war ich hier richtig, wie lange, wie weit noch? Nicht stehen bleiben, nicht auf die Uhr sehen, los, weiter, durchhalten. Da, mehr Himmel. Noch eine Ecke, dann eine große Ecke, das muss es sein - dieser Platz. Wuseltreiben, farbenfrohe orangenbeladene Kutschen, Stände voller Souvenirs, Töne, Rufe, Klingeln, Rauchfahnen. Da wurden die Garküchen für den Abend angeheizt. Aber wenig Blick für das kunterbunte Treiben. Die Gruppe musste gefunden werden! Ganz allein auf dem Platz, kein gutes Gefühl. Ein Taxi ins Hotel schien von hieraus eher möglich. Und, was für ein Glück, die Zimmerschlüsselkarte mit Hoteladresse in der Hosentasche! Dennoch, jetzt sollte sportiv die eigene Gruppe überrascht werden. Es gibt ihn noch, den Verlorenen! Also, jetzt nichts wie spähen, spähen, spähen. Fast war es, wie ein Indianer auf dem Jemaa-El-Fna-Platz, irgendwo in der Wüste. Also Gesichter, Figuren suchen, dabei herumschauen in alle Richtungen, aus welchen Souks könnte die Gruppe auftauchen und wann? Zwei Stunden lagen noch vor der Entscheidung, ab ins Hotel, mit dem Taxi, vielleicht noch eine unfreiwillige Stadtrundfahrt. Also weiter spähen. Um den Gauklergruppen Menschentrauben. Die Garküchen qualmen blau, die Knie werden weich, die Hüften lahm. Verdammt, wo bleiben die nur? Noch eine Runde auf dem Platz. Allmählich Abenddämmerung über dem Jemaa-El-Fna-Platz (geht doch!). Gesichter, Gesichter, Gesichter. Ja richtig, auch Touristengesichter. Weiter gehen!
Die Menschentrauben um die Gaukler herum. Da, die beiden Rücken, der männliche und weibliche Hinterkopf, ihr Fotoapparat, ihre verwegene Kopfbedeckung, er die Zubehörtasche tragend, brauner Lederrücken, da sind sie ja! Aber wo sind die andern? - Rasch aufgeklärt, die Gruppe hatte individuellen Freilauf, wieder treffen pünktlich, - vor der Apotheke (!) - der Verlorene wieder da! Es war, als breitete sich das Blut wohlig wie eine Überschwemmung im ganzen Körper aus, beruhigend, alle Sehnen entspannt und nun konnte das Sehen der fremden Welt fortgesetzt werden. Niemand ging mehr verloren, nicht einmal das Reisegepäck.
Kassel, den 8. Dezember 2005 / © by