"Die Frau,
die den Staat abschafft
"
von ROBERT MENASSE In DIE
ZEIT Nr. 8, 16. Februar 2006 |
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Verrr-rat! Verrat! Da
tritt uns einer ganz heftig auf die Füße, schmerzhaft, ein Mann aus
einem Land, das wir immer für unseren Südbalkon hielten. Er
wahrscheinlich hält Deutschland für den Hinterhof von
Österreich. Er motzt: Unsere Bundeskanzlerin schafft den Staat ab. Sie
handelt, also regiere überhaupt nicht, sie zeige nur Stil. Sie betreibe
als Verantwortliche der Bundesrepublik die Kapitulation vor der Wirtschaft.
Ungeheuerlich! Die Wirtschaft habe unsere Regierenden in die Ecke gestellt. Vom
Balkon runter schreibt der Mann tatsächlich: "Dann gilt nur noch die
Frage, welchen politischen Repräsentanten es besser gelingt, die
materiellen Ansprüche der Wirtschaft in ideelle politische Ansprüche
zu übersetzen und politische Zustimmung zur realen Verabschiedung der
Politik zu organisieren." Schlimm! Die Zerstörung des Sozialstaats
sei eine Möglichkeit zur Rettung. Pfui! Unsere Leute regieren nicht, sie
bekleiden lediglich ein Amt? Hast´e da noch Töne? Als Kandidat
für das Regierungsamt wäre auch ein Pavian mit Baströckchen, so
Elfriede Jelinek, auch vom Südbalkon, "in Kauf genommen worden".
Ja, was ist los "in diesem unseren Lande"? Und doch hat Frau Merkel
ihre männlichen Konkurrenten überflügelt. Donnerwetter! Als Volk
konnte sie unsere Erwartungen "irgendwie" zufrieden stellen, aber
keine erfüllt. Das muss man sich mal vorstellen! Die SPD als Think Tank
der Union? Was ist denn nun los? Frau Merkel beurteile die Sachlagen richtig, -
welche Chance, auch die geeigneten Maßnahmen nach Maßgabe der
Vernunft zu entwickeln, also zu regieren! Wäre das nichts? Tja, wer
hört heute noch Jemandem zu, im Zeitalter der Egomanie und den
Eitelkeiten? Mensch, Leute, besinnt Euch, - was ist Euer Grundverständnis
von Demokratie? Sie ist doch keine Karriereleiter! Also, Politik nicht als
Wegbereiter zum Glück, sondern ein Schmerzensweg, das Paradies liegt im
Jenseits. Sind wir, das Volk, dafür nicht zu pragmatisch? Klar! Diese
Irrtümer. Der Staat hat doch nur Nutzen, Gewinn, wenn es seinen
Staatsbürgern gut geht, "durch die Bank"! Der Kapitalismus
gehört an die Kette, denn das Kapital ist letztlich doch nur kopf- und
handgeschöpft. Mit Säcken voller Geld um den Globus hetzen, schafft
weder Glück noch gerechten Wohlstand (z. B. Teilhabe der Arbeitnehmer am
Unternehmensgewinn), sondern leider nur Unglück (Arbeitslosigkeit,
Lohneinbußen). Seit wann duldet unser Staat den Einschnitt und
Lebensqualität seiner Bürger? Ja, sie jammert, ist aber hilflos. Ist
das Kriminell? Man kennt das: die Kleinen fängt man, die Großen
! Menasse hat auch eine Fragestellung mit Tunnelblick zu recht
gerückt: Statt "Wie kommen wir dahin?" als gäbe es nur ein
Ziel, fordert er die Fragestellung im Interesse der Staatbürger, die sich
mit Bestimmtheit nicht quälen lassen wollen, "Wo kommen wir
dahin?" Oder: Wo wollen wir hin? In Merkels Abwege? Gemein ist das Wohl
nicht, unwohl, zum Erbrechen, wird uns, wenn uns Unwohlsein als gesund
eingeredet werden soll. Die Ohnmacht der Regierung, sie kann nicht auf in die
Brüche gegangenen Regelungen zur Gesundheit, Bildung, Wirtschaft und
Soziales so irgendwie weiterregieren. Und "die Entstaatlichung des
Staates", da dreht sich der Magen um, wohin haben wir, die Wähler,
der Souverän, wie wir heuchlerisch vor der Wahl suggeriert bekommen. Die
Frau, die die Richtlinien der Politik bestimmen soll, sie sucht "lediglich
zu verschleiern, dass sie die Aufgaben des Staates nicht mehr zu erfüllen
bereit ist." Was kann man dazu noch sagen? Deutschland hatte auch einmal
echte Politiker, kann sich Robert Menasse erinnern. Es ging jedoch 2./ 2./
bergab. Merkel sei "die Erste, bei der man Staatspolitik nicht mehr
erwarten kann." Aber von wem denn sonst? Hilfe! Manesse macht mich alle,
wenn er schreibt: "Merkel aber zahlt um sich eine gute Nachrede zu kaufen,
als Kanzlerin eines Staates, in dem angeblich Geld im eigenen Haushalt
dramatisch fehlt." (angeblich dramatisch fehlt - das muss man einmal
operationalisieren!) Wow! Wau! "Staat" sei nur ein Synonym
"für die organisierten Privatinteressen einiger weniger
."? Wer alles gehört dazu? Wer tritt hervor? Keiner natürlich!
"Weicheier!" Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, auch
Staatsbegräbnisse können traurig geraten. Huh! Und dabei hat der
verstorbene Bundespräsident Johannes Rau Frau Merkel und ihren Mannen ein
riesiges Regierungsprogramm hinterlassen! (Sehr lesenswert!!) Und er hat der
Regierung nicht nur ein Programm hinterlassen, man kann es nutzen zum Nutzen
der Staatsbürger. Ob Raus Worte doch noch mit in sein Grab gelegt wurden?
Ich komm´ nicht nach. Widersprüche sind menschlich, aber auch
revidierbar. Nur Mut! Klar? Und das hat der Mann aus Österreich auch noch
gesehen. Unsere Politikeleven, sie sind so schwach. "
sie sind
heute nicht nur nicht mehr zur Kritik, sondern auch und erst recht nicht zur
Selbstkritik fähig." Ach ja, in den politischen Sendungen des
Fernsehens sehen wir in letzter Zeit so viele baby faces. Also, mit alledem und
mehr tritt uns dieser Österreicher, sehr schmerzhaft, wie ich finde, auf
die Füße, dass man erlahmen möchte. Ach, lesen Sie selber,
verehrter Mitleser, wenn sie diesen Artikel noch nicht kennen, er steht in DIE
ZEIT Nr. 8 vom 16. Februar 2006, S. 49, im Feuilleton - keine Sorge, eine sehr
gut informierende Abteilung! Verrat? Nein, ist es nicht, was Menasse
geschrieben hat, trifft nur tiefer. Sein Blick von draußen ist sein
Vorteil, sein Abstand, macht betroffen. Auch der an Politik Interessierte kann
leicht den Überblick verlieren, so versteht man leider eher die
Nichtinteressierten. Die Verschleierungen der Regierenden, ist doch
beabsichtigt oder? Jedenfalls herrscht dicke Luft im Lande, Bildung dem
Förderalismus weiterhin überlassen, führt auch unsere
nachfolgenden Generationen in die Irre. Nur einige wenige sollen demnächst
privilegiert sein? Wenige oben - viele unten? Wer will das? Unseren Kindern die
Chancen zur Bildung für eine menschliche Zukunft (EILT!) verwehren, nur,
weil ein paar Landespolitiker falschen Ehrgeiz entwickeln, sie versündigen
sich an uns allen. Staatsabbau und ausgehöhlte demokratische Umgangsformen
sind schon sichtbar. "Wo kommen wir da hin?", wenn wir nicht
Konsequenzen fordern und vor allem umsetzen. Das "Ausland" hat schon
in den 60-ern festgestellt: "Ihr Deutschen redet viel aber macht zu
wenig." (wörtliches Zitat, Schweiz, Dänemark) Wo kommen wir hin,
wenn wir von unseren Abgeordneten und Amtsträger nicht monatlich ein
Bußgeld in Höhe von 10 Prozent aller ihrer Einnahmen verlangen und
einen Sonderurlaub für alle Politiker in Bund, Ländern, Kommunen? Im
Sinne einer Wissensgesellschaft: ein Leben lang lernen! - haben sie zu belegen:
Grund- und Aufbaukurse in Sachen Demokratie. Diese beiden Forderungen bestimmen
wir jetzt, wir empfehlen nicht, wir ordnen an, wir der Souverän, wir
deutschen Staatsbürger, wir Wähler! Diese Forderungen stellen wir
nicht von unserem Standort aus, sondern von unserem Lebensort!
Kassel, 21.02.2006 |
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