Zum politischen Verständnis

 

Welche grundlegende Ansicht

braucht eigentlich der Bürger,

um die politischen Macher zu verstehen?

                        - ein Haus ist ein Haus -    von BURKHARD KUNZE

 

 

     Ja, wir Bürger sollten unsere Ansicht, was unsere Politiker betrifft, ihr Reden und gelegentliches Tun, neu überprüfen. Allein schon deswegen, damit wir unsere Nerven schonen. Gewiss, es gibt politische Anhänger, Parteimitglieder, die immer noch blanko unterschreiben. Aber auch diese sind weniger geworden. Der Versuch, uns in unserer Ansicht und in unserem Verständnis neu zu justieren, müsste sich also lohnen.

     Die Sache ist die. Deutschland ist wie ein Haus, mittlerweile schon wieder ein altes,  zu sehen. Der Neuzuwachs hat das Haus erweitert. Unser Grundstück ist gewissermaßen mit dem Nachbargrundstück „vereinigt“, die Nachbarn haben einfach ihren Stacheldrahtzaun niedergerissen, das muss man sich mal so richtig im Kopf vorstellen. Die Grundstücke zusammengenommen, so wurde sofort an das alte ein neues angezimmert. Aber wie das so ist mit dem Eigentum, ein Haus will immer gepflegt werden, soll es nicht verfallen oder gar auseinanderbrechen. Den Bewohnern ist klar, da muss immer etwas  zum Erhalt gemacht werden. „Das ist einfach so!“ 

     Das Haus ist nun ziemlich groß. Bewohnt von allen möglichen Menschen. Gewiss, sie haben unterschiedliche Interessen, aber, es gibt auch eine Reihe sehr gemeinsame Interessen, wie zum Beispiel die Sicherheit, die Wohn- und Lebensqualität und anderes mehr. 

     Als Grundlage dafür gilt das Haus, es muss also zwingend in Ordnung gehalten werden. Schäden sind rechtzeitig zu erkennen, Reparaturen, je eher desto preiswerter. Wie unsere Nachbarn mit dieser Frage umgehen, ist zunächst ihr Problem. Nachbarliche Hilfe schließt das nicht aus, - im Gegenteil! „Und das ist gut so“.

     Jedes Haus ist eine Sache der Eigentümer. Hier verpflichtet Eigentum, wenn wir nach spirituellem Bewusstsein alle auch nur geleast haben. Bleiben wir also sorgfältig!

     Früher war das anders. Der Despot bestimmte, wo es lang ging. Die andern folgten freiwillig, unfreiwillig, bis zur Lebensgefahr. Aber schon immer ging es darum, die vielen anfallenden Arbeiten auf die Bewohner zu verteilen, denn keiner kann alles tun.

     Aus dieser Einsicht heraus wählten sich die Menschen oder griffen nach Arbeit, die erst einmal ihre Existenz zu sichern versprach. Schnell war nicht nur von Geld die Rede, es musste auch „gemacht werden“. Es gab und gibt aber auch die andern, die mit dem Geld der andern bereit waren, schon immer, das gemeinsame Haus zu verwalten. Warum auch nicht? Schließlich ist eine sorgfältige Haushaltsführung für diejenigen, die die Kohle erst einmal gewinnen müssen, durchaus von Vorteil. Wie gesagt, man kann nicht alles … Das Personal für die

 

 

 

Haushaltsführung war immer schnell und reichlich gefunden. Schließlich wurden sie auch immer von den Verdienern geradezu fürstlich bezahlt. Als attraktiver Job, so wurde die Haushaltung schnell verstanden, war er immer begehrt. Denn wo sonst trug das Zimmermädchen, der Hausdiener die Klamotten der Herrschaft? Nun gut, man selber hatte ja für die viele Hausarbeit keine Zeit, besseres zu tun, eben Geld zu scheffeln.

     Und die Haushaltskasse? Wer in einer alten Kaffeebüchse das oft doch sauer verdiente Geld steckt, denkt nicht daran, dass sich die Dienerschaft daraus einfach bedient. Und das, obwohl sie zum Antritt ihres Jobs ihren Eid auf „Dienen“ und „Schaden abwenden …“, wir wissen schon, geleistet haben. Stattdessen leisten sie sich parteiideologische oder lobbyistische Meinungen und glauben immer, dass … . Wann schon mal sagt einer: ich denke; es ist erwiesen; im Vergleich zu; Untersuchungen; vorliegende Erkenntnisse führen zur wirksamen Lösung, und so fort. Jeder Hauseigentümer ist froh, wenn der Handwerker mit seinem Fachwissen überzeugen kann! Stattdessen gibt es Hausangestellte, die wollen auch noch Wertgegenstände verschwinden lassen! Wer kann da noch aufpassen?

     Zum Glück finden sich genügend Kreaturen, die bereit sind, den Wachhund zu spielen. Sie apportieren zuverlässig, legen uns Tag für Tag, Woche für Woche, sogar monatlich immer wieder die neuesten Knochen zur Kenntnisnahme uns vor die Füße.  Wenn sie nicht gierig sind, beherrschen sie ihren Jagd- und Beuteinstinkt. Viele von ihnen haben einfach ein gutes Näschen, verstehen zu schnüffeln und werden nicht umsonst „die vierte Gewalt“ in unserem Hause genannt. Was sie selber nicht riechen können, bleibt unentdeckt. Etwas Risiko ist immer!  Warum wir den Wachhund überhaupt brauchen? Nein, nicht allein zur Unterhaltung, sondern auch zu unserer Sicherheit. Denn Sicherheit ist unser aller Grundbedürfnis. So haben Wachhunde auch zukünftig viel zu schnüffeln!

     Die Frage: wer gibt hier nun eigentlich den Ton an? Ist nicht schwer zu beantworten. Um Sicherheit zu haben, hat sich der Mensch, der Bürger, der Hausbewohner und –Eigentümer schon immer organisiert. Wie in der Tierwelt tausend und mehr Jahre hat er sich zusammengerottet, es entwickelte sich sofort ein Leittier, das wiederum von anderen bekämpft wurde. Der Rest ordnete sich unter und ein. Seitdem ist der Kampf und die Verteidigung um die Leitfunktion ein kräftezehrender Job. Energie wird verschleudert, vergeudet, die anderswo fehlt.  Das hierarchische System: „die da oben“; „die Aufsteiger“; „die Absteiger“; „die da unten“ und „die Randgruppen“, diese Ordnung und Vorstellung von Haushaltsführung steckt immer noch in den meisten Köpfen. Oder? Wir nehmen das als Tatsache einfach so hin und denken uns dabei nichts. Aber wir ärgern uns über „die da oben!“ prächtig.  

     Wie unselig, „das Reichstagsgebäude“, in das schon „der Reichskanzler Adolf Hitler“ einzog, wenn er darin auch nichts zu tun hatte, es ist wieder auferstanden aus Ruinen. Das Dach, eine große Kuppel, sie ist für den Bürger begehbar, das wird auch eifrig betrieben, wissend, dass unter ihnen die Haushälter sitzen oder sitzen sollten. Einige Etagen tiefer, immer noch oben, befinden sich die sogenannten Tribünen für die Besucher des hohen Hauses. Nein, fasst wie ein Tribun nimmt hier der Bürger Platz um zu schauen, was seine Hausangestellten so treiben, die da unten. Denn richtig, unsere Haushälter sitzen ganz unten, sozusagen auf dem Boden der Tatsachen. Der Souverän, der Wähler, dem man alle vier Jahre höchste Aufmerksamkeit zollt, er ist doch so wichtig, ist nach der

 

 

 

Wahl schnell vergessen, obwohl nach der Wahl vor der Wahl ist. Der Souverän oben, er hält den Überblick, wenn er dann oft auch keinen Einblick mehr hat, was die Bediensteten in ihren Tüten haben. Die Hausangestellten, ziemlich dreist! Oder hat unser Hauspersonal bei der Einstellung etwas nicht richtig verstanden? 

     Wie auch immer, so geht es nicht! Aber wie geht es dann? Der Souverän muss ständig präsent sein. Er darf nicht dulden, dass seine Hausangestellten ihm auf der Nase herumtanzen. Sie haben ihm Rechenschaften abzulegen, die Dinge offen zu legen, sie haben für ihr persönliches Tun Verantwortung zu tragen, sie müssen endlich „die Kultur der Freiwilligkeit“ (Ulla Schmidt) pflegen, sich entbinden von denen, die sie für Interessen einspannen wollen, die dem alten Haus nicht bekommen, sie brauchen den Weitblick, weit über ihr persönliches Schicksal hinaus, den Mut, sich zurücknehmen können, bescheiden, demütig und integer auf- und einzutreten, nicht kämpfen, sondern überzeugen, so dass es allen wie Schuppen von den Augen fällt und mehr, vor allem aber, sie haben uns, dem Souverän zu dienen! Denn was sollte demokratisches Regieren anderes sein als dienen? Mit unserer Wahl und unserem Kreuz haben wir den Kandidaten einer Partei nichts überlassen, sondern unseren Auftrag erteilt.

     Also, glauben wir nicht, es sind „die da oben“, wir wissen, es sind „die da unten“. Wer sich wählen lässt, will dienen, ist also ein Diener unseres Hauses, in einer Kultur der Freiwilligkeit.

Tja, Hausbewohner, haltet Fenster und Türen offen, nicht, „was guckst du?“, sondern: jetzt gibt es etwas zu sehen!

 

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Kassel, am 9. November 2004                                                                        gez. Burkhard Kunze

 

 

 

Eine Anmerkung zum Wahlgang:

Im Iran ist eine junge Wahlhelferin beauftragt, mit einer Wahlurne aus Pappe unterm Arm, die Einwohner einer Insel zur Abgabe ihrer Stimme zur Wahl ihres Kandidaten zu bewegen. Die Kandidaten sollen die Lebensumstände auch der Menschen auf der Insel verbessern. Von einem einfachen Wachsoldaten lässt sie sich über die Insel fahren, aber keiner der Inselbewohner ist geneigt, seine Stimme für einen der Kandidaten abzugeben. Die junge Wahlhelferin ist ganz betrübt. Auf der Rückfahrt zum Ort, von dem sie wieder auf das Festland gebracht werden soll, fragt sie unvermittelt der Soldat und Fahrer: Darf ich mal was fragen? Sie: was wollen sie denn fragen? Der Soldat: Wann wird denn wieder gewählt? Sie: Na, wie überall, in vier Jahren! Der Soldat: Warum nicht früher? Sie: Wie, früher? Der Soldat: Ich meine so drei bis vier Mal im Jahr.   

 

(Aus dem Film: „Geheime Wahl“, Komödie, Iran 2001, von Babak Payami films 2001,

gesendet in 3Sat TV am 9. November 2004, nacherzählt von Burkhard Kunze)           .